Philósophos - Φιλόσοφος 


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Gibt es ohne Gedanken Tat oder Handeln denn? Solches sei sicherlich, jedoch getrennt von Bewußtheit und Wollen, das aus dem Willen quillt, so wie der Wille das Mögliche gewollte eines Gedanken ist, das durch andere Gedanken verhindert, vermauert, überdeckt, vergraben, vertrieben wird, nicht die Tat, nicht die Sache, zu greifen mit Hand und Händen; die Verkörperung des Willens geschieht durch das Wollen, das konkret im Willen, ausgelöst durch einen bestimmten Gedanken, welcher im Denken, welches selbst der Hort ist für Gedanken, ihr Ort und ihr Raum (Gedankenraum), siedelt.

Gedanken streben nach der Tat, wollen, geistig selbst, Geistiges veranlassen in Stofflichem sich zu begreifen, in Dinghaftem faßbar sich zu machen, aus Wesenheiten sich aber wieder, welche sie bewirkten zu werden, sich entschlüsseln zu lassen und das Erinnern des Denkens erneut zu befruchten; so strahlt aus Wesenheiten Wesen, aus Natürlichen Natur, aus Gegenwärtigem Gegenwart hervor.

Denn Seiendheit, tränkt Seiendes mit Sein; die Seiendheit aber ist, ist in sich aus sich; es ist nicht zu denken, daß diese nicht sei. Sein ist die Tat der Seiendheit, wirkt, schafft, formt Seiendes, alles zusammen und jedes einzeln, gibt ihm seien Gestalt, welche jede, welche alle der Sinn, den das Sein aus der Seiendheit trägt, in sich halten, der in Gedanken ins Denken strahlt und dieses betreibt zu schauen, zu sinnen, jedoch nicht zu greifen einzelnen Seienden Gestalt und Wahrheit, und gar nicht des Seins, des Zeugenden der Seiendheit, oder gar jener selbst. Alles Seiende ist, da es durch das Sein ist, das seinen Anteil an der Seiendheit bewirkt. So wie ein Auge selbst sich niemals schaut, alleine gleich und unvermittelt, schon gar ein Teil jenes, wie die Linse, die Iris, selber nicht und nie erkennt das ganze Aug. Jedoch ein Bildchen schenkt ein Gedanke dem Denken ein, erleuchtet jenes mit getrübtem Abglanz aller Dinge, streift die Wahrheit des Wirklichen im Gedanken das Denken.

Jenes bildet selbst zwar Wahrheit, doch keine Richtigkeit, die betrachtetes Seiendes greift oder erfaßt, vielleicht berührt. Und Weisheit ergreift dies, faßt diesen Mangel, daß menschlicher Geist aus sich Bilder bilde, doch die Wahrheit der Welt nicht fasse, nie ergreife, die Wahrheit eigen geschaffener Imagination wohl, daß zwar der Sinn die Welt betrachtet, berührt, nicht aber versteht, daß aber das Denken daraus sich speiset, jedoch nur immer auf seine eigene Art sich selbst befördert, sich betreibt und sich mit eigenem Maße am eigenen Wesen mißt, in eigener Größe - oder Kleinheit - eigens eignet selbst ersonnenen Gedanken, welche weit von dem, was einzusehen sie sich einbilden, entfern und gleichsam unberührt von jenem wesen. Die Weisheit sieht dies ein; sie aber ist mehr denn Erkenntnis eigenen Denkens und dessen Unzulänglichkeit; nicht einmal dessen immanente natürliche "Fehler" versteht sie, da sie diese sonst vielleicht verhindern oder ausmerzen könnte, nein, sie sieht nur ein, daß diese vorhanden seien, anwesend sein müssen, kapiert aber nicht welcher Art jene seien, kann dies auch gar nicht, da sie nur mit dem Intellekt arbeitet, welchem diese "Fehler" immanieren.

Doch das allein ist nicht Weisheit, dies ist ihr Funke, der den menschlichen Geist erhellen zu vermag, wenn sein Auge brennt auf dieses göttliche Glühen. Weisheit besteht außerhalb des Menschen für sich; der Mensch ist nicht ihr Wirt (sie würde sonst verhungern). Menschen können in vollem Umfange nicht weise sein, da sie in ihrer Eingeschränktheit, in ihrer Bedingtheit, ihrer Kleinheit stehen, aus dieser nicht ausbrechen können. Menschliches Denken, Menschliches Tun bleibt immer menschenhaft, weil es von Menschen betrieben wird. Auch wenn man sagt: "dieser ist ein Weiser", so bewahrt er vielleicht ein winziges kleines klares Körnchen der Weisheit, hat diese aber nicht inne. Dabei muß er nicht gescheit oder gebildet sein.

Wissen und Scharfsinn, glauben Menschen, vermögen zur Weisheit führen; sie können aber ebenso einen Irrweg bedeuten in die Torheit; so mögen den Verstand überbrandende Detailkenntnisse das Streben nach Weisheit eher gefährden als ein Mangel an Ausbildung: Bildung hingegen führt zum Denken, Ausbildung bestenfalls zum Überlegen. Macht euch die Weisheit zur Freundin. Ihr müßt dazu selbst nicht weise sein, ihr werdet aber dadurch einen süßen spiegelnden Abglanz ihrer erhaschen. Eine Figur, die das Sinnieren, das Überlegen, das innere Betrachten thematisiert, das den Denker bewegt, das den Menschen, der fragt nach Sein und Wesen, nach Welt und Urgrund, geistig beschäftigt, zu machen, zu formen, ist ein alter Gedanke, der mich schon seit meiner späten Schulzeit immer wieder bewegte, der danach strebte, Gestalt und Form, Materie und Masse anzunehmen und sich in ihr ausdrücken zu lassen als Bildnis einer Idee, einer Idee des seinen Blick in sich selbst gerichteten Geistes, verkörpert in einem Menschen, der schlicht Mensch unter Menschen ist, der den Betrachter seiner äußeren Gestalt, den Neugierigen, der ihn befragen möchte nach seinem Tun, nach dem Grunde seines Soseins und Hierseins, nicht sieht, nicht wahrnimmt, in sich gekehrt, die Welt des Geistes zu durchwandeln, zu erforschen im Fragen, im Suchen, bedächtig, überlegt, besonnen, in feiner leiblicher Gliederung, im Atem, den er behutsam saugt, sanft schlürft unter seine Haut, in sein wallendes, in Gedankenwindungen weit eingefaltetes und entfaltetes Gewand, vibrierend gespannt, bewegten Anteil aktiv zu haben am Ganzen, am Ganzen, dessen Teil er ist, und das er in seinen kleinen Geist schnaufend gierig schöpft, das kühl durch ihn wogt, in dem er sich aufzehrt, das ihn nie aufzehrt, das er nie begreift und leert in seinen Verstand.

Wahrscheinlich liegt es meinem ganzen Wesen und meiner Art nahe, daß ich mich nicht nur gedanklich und auch nicht bildnerisch allein mit den Fragen beschäftige, oder vielleicht eher diese sich meiner bedienen und nicht von mir lassen können, die eigentlich jeden Menschen bewegen, die aber durchaus gerne weggesperrt und zum Schweigen gebracht werden sollen, da ihnen keine Antwort deutlich und eindeutig gegenübersteht, da sie den Frager auch sonst nicht in einer Form befriedigen, indem daß sie ein deutlich umrissenes und definiertes System an Lösungen oder gar eine einzig richtige umfassende Erklärung bedingen könnten, da sie darüber hinaus auch noch beunruhigender scheinbar Gewisses durchleuchten und dies als haltlos und bröckelnd fauliges Gebälk, aus Unsicherheiten und Bequemlichkeiten gezimmert, entlarven, aus Unwissenheiten oder bloßen Wünschen genagelt, gekittet, zusammengefügt, enttarnen.

So zerbrechen großartige und hervorragende Anordnungen von Lehrmeinungen, springen wie Glas (je klarer und einsichtiger und eindeutiger sie ausformuliert, ausgearbeitet und geschliffen worden waren, desto spröder platzen sie in immer kleinere unkenntlichere Staubkörnchen und verwehen in den Stürmen der Geschichte, und keiner mag sie mehr finden, schon gar nicht kennen) - und es bleibt stinkender Schutt zerfressener "Wahrheiten" am Boden des Weltgeschehens liegen, den jämmerlich nicht einmal dessen einstige Promotoren und Apologeten, die längst, ihre ehemaligen Bekenntnisse geflohen sind, sich neuen Gedankengebäuden andienen und diese zu ideologischen Festungen, wie ehedem jene, jetzt schon verachtete, oder schon gar nicht mehr gekannten, aufrüsten, blank polieren und ohne den Anflug eines Stäubchens eigentlich unbeantwortbarer tatsächlich aufpulsender und aufwühlender Fragen, in gestohlenen Lichtes ewigem Sonnenglanz der "Vernunft" und "Erkenntnis" präsentieren, solcher Fragen, die sich den Menschen seit jeher aufdrängen, ins Denken sich einschleichen und gar nicht beruhigend hämmern und pochen und bisweilen bittere Verzweiflung in der Menschen Herzen aus übervollen, nie sich leerenden Gefäßen schütten und diese mit herbem Verzagen überfluten, Fragen, die Immanuel Kant so zusammengefaßt und mit Worten ausformuliert hat:

Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Schon vor zehn Jahren habe ich also damit begonnen, einer Plastik in ungefähr halber Lebensgröße aus Wachs nach einer innerlichen Vorstellung zu modellieren, die in mir sich in einigen wenigen Atemzügen auf einmal ausbreitete und schnell immer deutlicher in meiner inwendigen Imagination sich herausstellte und gleichsam aus einem Nebel eingeschlossener Bilder, Traumgesichten, versponnener Blicke klar und so deutlich, von allen Seiten gesehen, in allen Winkeln betrachtet, sich herausschälte und heraustauchte aus ungebildeten Ahnungen, trüben, verschwommenen, wolkigen Sinnenbildern, welche mich auch überzeugte vom ihrer Richtigkeit, und nach stofflicher Ausformung drängte, was eigentlich, wie man zu meinen glaubt, die beste und gedeihlichste Grundlage für eine bildhauerisch Arbeit zu sein scheint, so daß sie in kürzester Zeit gefertigt werde und auch gelinge.

Bis zum nunmehrigen in Bronze gegossenem Bildwerk sollte es aber ein langer (Um)weg werden, den ich als solchen zu Anfang nicht erkennen konnte, auch nicht erahnt habe, wobei ich gestehen muß, daß dies, zurückblickend so richtig gewesen ist und daß eine raschere körperliche - was bedeutet bildhauerische - Realisierung oder Umsetzung dieser meiner Idee gar nicht nützlich und förderlich gewesen wäre. Ein Keim, in dem das ganze Bild eines Organismus bis in seine feinsten und kleinsten Teile festgelegt ist, welcher das Wiesein eines Wesens in verborgener Sprache singt, bevor es selbst in Gestalt sich tauchte, in Form sich fügte, bevor es überhaupt nur angefangen hat zu gedeihen, bevor es in Materie sichtbar wird, eines langsam wachsenden, spät erst reifen Begriffes, eines Wesens birgt in sich nicht nur alle das spätere Produkt oder Resultat bestimmende und definierende Informationen als dessen Idee, sondern treibt zum Wachsen, zu gedeihlichem schöpferischem Werden, zu aufblühender Neuheit eines Gestalt angenommenen Dings, eines in Form gebrachten Gedankens; ja der Keim drängt nach Ausdehnung in stofflichem Raum, giert nach Werden in faßbaren Körpern, und Entwicklung aus aufgewickelter Idee braucht Zeit, muß immer gemessen werden an dieser, an der Vorschrift des Keimes, der das vollkommene Bild beschreibt.

Der λόγος σпεpμαтıкoς besamt den Geist (пvευμα) des Menschen mit Bild, mit εıδoς, der nicht aus jenem selber kommt, sodern vom Лoγoς her, durch ihn aber wächst und in Gedeihlichkeit sich erst entfalten mag durch ihn. So muß ich der Sprache der Idee mich verschreiben, ihr lauschen, ihren Sang und ihre Melodie erlernen, aus Ihrer Vollendung und ihrem Höchstmaße Unvollkommenes und letztlich Stückwerk hervorbringen, das niemals ihre Größe und Absolutheit erreicht. So treibt es mich zu plastischem Gestalten als Enzym, als Werkzeug und bestenfalls Handlanger der Idee, des Urbildes, das im Samen gärt und ins Wirken bläht; es treibt mich zu formen nach Geistesbild, Stofflichkeiten zu wandeln, das zu Formende zu formen.

Das Arbeiten am Material bedeutet nicht nur körperliche Mühe und Beherrschung und Disziplin; gleichzeitig muß ich das Herausgearbeitete, Hervorgebrachte betrachten, in dessen Anschauung mich schärfen, beobachten und gleichzeitig immerzu dies mit dem innerlichen Bilde vergleichen; dem Keim schulde ich Rechenschaft meines Tuns, vor der Idee muß ich es verantworten und mich ihr unterwerfen. Nicht darf ich irgendwie und irgendwas tun und formen, nicht darf ich phantasieren, ob Phantasie es schon ist, welche meiner Arbeit gebietet, mein Handeln führt, meine Hand bewegt; nicht darf ich träumen, ob Traum es gleich ist, welcher mein Tun beseelt, mein Treiben lenkt. Ein getreulicher Knecht muß ich sein, ein gewissenhafter Verwalter des Plans, den der Keim mir eingibt; ihm verleihe ich Hände durch meine Arbeit, dem Geist schenke ich Tat, dem Körperlosen Materie, die diese Idee inniglich repräsentieren muß.

Eine Vision zu vergegenständlichen, eine geistige Sicht zu materialisieren, eine Imagination zu hypostasieren, als deren Diener schaffend zu arbeiten, bedeutet Gewissenhaftigkeit und Treue dem Bilde, der Idee. Nun ist mein gestalterischer Wille, meine Hand, das Material allen physischen und konkreten Gesetzmäßigkeiten anheim verfallen, die alles bestimmen, denen nicht und niemals zu entrinnen ist, die die Arbeit am Material bestimmen, die es leicht oder schwer machen, hart oder weich, zäh oder mürbe. Die Schwierigkeiten mit dem Stofflichen und seiner Gegebenheiten, seiner Reaktionen auf Eingriffe, seinem Widerstand gegen das Bearbeitetwerden ist die eine Seite, die es zu beherrschen gilt, welches nur aus Erfahrung gelernt werden kann, durch Arbeit, durch Tun, durch Umgang mit dem Wesen des Stoffes, mit seiner Natur.

Immerzu wird der Arbeiter durch Arbeit lernen, muß mit allen seinen Sinnen wach das Getane betrachen und, auch wenn es schmerzt, erbarmungslos die eigene Unzulänglichkeit, die eigene Bedingtheit und Schwachheit bekennen, die auch der größte Meister nicht leugnen darf, die auch der bedeutendste Könner nicht vergißt, denn die Menschliche Natur ist unvollkommen und ungewiß, Ihr Tun ist Pfusch; nur aus Gnade wohl mag überhaupt etwas gelingen.

 

Eı oυv oυδε εлαχıσтov δυvασθε тı пεpı τωv лoıпωv μεpıμvαтε.

Kαтαvoησαтε тα кpıvα пως αυξαvεı oυ кoпıα oυδε vηθεı лεγω δε υμıv oυδε σoлoμωv εv пαση тη δoξη αυтoυ пεpıεβαлεтo ως εv тoυτωv. 

Eı δε εv αγpω тov χopтov oνтα σημεpov кαı αυpıov εıς клıβαvov βαллoμεvov o θεoς ουтως αμфıεζεı пoσω μαллov υμας oлıγoпıσтoı.
 

Lk 12, 26-28
 

Die andere Seite betrifft das Gestalterische, das Hervorwagen aus rein geistigen Gesichten in die Körperlichkeit und ihre Bedingungen und Regeln: Dadurch daß im schöpferischen Vorangehen der Arbeit mit dem Material der Stoff sich durch das Wollen des Willens und dessen Manipulatoren geformt wird, muß gleichzeitig das Auge lebendig die Veränderungen, welche durch den Prozeß des Machens sich ständig ergeben, beobachten und diese erfassen, vergleichen mit dem inwendigen Urbild, das Bearbeitete, Geformte korrigieren, neu überdenken, neu überarbeiten; auch entstehen durch die Arbeit im Material neue unbeabsichtigte Strukturen, die der Idee nicht entsprechen, oder denen die Idee von vorne herein Freiraum gab, sich zu entfalten, oder Anordnungen, welche die Idee nicht gekannt oder beachtet hat; so muß ich ständig und ununterbrochen vermitteln, übersetzten zwischen geistigen Ideen und beäugten Bildern und entscheiden und reagieren auf neue Ergebnisse des Tuns und wieder mich besinnen auf die Idee, mit Ihr Zwiesprache halten, ob das Ergebnis der Arbeit ihr genüge und gleichzeitig das zu Formende fragen, wie es sich verhalte, zu erkunden, wie meine Traktierung wirke und was sie erreiche, wie Licht und Schatten Konturen zeichnen, wie Spannungen entstehen und interessante Wölbungen, über welche das Licht gleiten kann, um mit dem Schatten Verstecken zu spielen, sich ergeben, wie Flächen sich zueinander verhalten, wie deren Proportionen zusammenwirken, sich aufeinander beziehen, das alles ist zu erkennen und zu beobachten und vor der Idee zu reflektieren.

Immerzu und jeden Augenblick muß entschieden werden: Was darf ich wegnehmen? Was muß ich hinzufügen? Wie weit darf ich gehen? Überall bei jedem Tun muß ich wach sein! Zu jeder Zeit sinnieren, erfühlen, wie das zu Machende sich verhält, verhält zur Idee, was es davon erfaßt, zurückstrahlt und wo es noch in vollständiger Finsternis vor der Idee zurückweicht. Diese Idee birgt in sich alles im Höchstmaße in bester und vollendeter Form, makellos, doch das Umsetzten ihrer Vollkommenheit in Unvollkommenes mit dürftigen Mitteln, mit bescheidener und schwacher und beschränkter Hilfe durch den Arbeitenden ergibt immer Armseligkeit und ein verpfuschtes Werk, wenn im besten Falle auch aus ihm die Idee hervorstrahlt und es also als gelungen angesehen werde, so ist doch immer zu bedenken, daß das Urbild über alle Maßen schöner ist denn das gemachte.

Und die konkrete Figur Φιλόσοφος keimte gleichsam mir ebenso in mir und drängte hinaus in das stoffliche Werden und Vergehen, das Veränderung und Verfall unterworfen ist. So mußte ich vorgehen, so muß ich immer tun und arbeiten. Wenn etwas gedeihen soll, so muß es gut werden, auch wenn es Pfusch ist vor der Idee: das schulde ich ihr, mir selbst, auch dem Arbeiten und letztlich auch dem Gemachten, denn dieses bleibt eine Zeit lang in der stofflichen Welt und steht für die Idee hinter ihm und repräsentiert jene in und aus der Materie heraus. Deshalb muß ich mein Gemachtes verantworten, wie es die Gesta Romanorum beschreiben: Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.

Dabei muß ich mir bewußt sein und mir dieses immerzu bewußt machen, daß die Arbeit an einer Plastik immer deren ständige Veränderung bedeutet: Zu Beginn liegt eine amorphe Masse, ungestaltet, zufällig vor mir, welcher ich erste Züge gebe und diese gleichzeitig überwache, sie verfeinere, wieder verwerfe, abermals verbessere, immer vor dem Hintergrunde, daß ich der Idee verpflichtet bin, die das Arbeiten veranlaßt, mit es befiehlt. Wenn ich einen Teil ädere, so ändert sich die gesamte Form des Ausgearbeiteten, all was ich sogleich wieder mit der Idee abstimmen muß, in welche Richtung ich weiterzuarbeiten habe.

Dies ergeht ungezählten einzelnen Schritten derart und immerzu und immerzu so, bis die Idee warnt und leise und still nur anmerkt, es seien genug dieser Schritte getan. Leicht ist es möglich, daß diese zarte Stimme überhört wird, und es wird weitergearbeitet, blind, und man vergißt die Idee und daß man Rechenschaft ihr schuldet; dann ist das Verderbnis groß, und die Plastik wird der Idee nicht gerecht, und keine Glut Ihres Widerscheins entfacht sich in der Materie, und sie bleibt schwarz und schweiget und ist womöglich gänzlich verloren. Zart muß man fühlen, bedächtig tun, umsichtig arbeiten: dann könnte sich die Plastik, wenn auch Tand vor der Idee, sich von jener entfachen lassen und ihren Geist atmen und mit ihrem Feuer Sinne beflügeln, die in spannungsreich geformten Größen ihr Flimmern entdecken, aufgeschaukelte Kraft, interessante Ruhe genießen; und so mag auch die Idee neue Bilder im Denken des Betrachters immer neu entzünden. Die Arbeit muß immer und zu jeder Zeit entschleunigt werden, da sonst eine stumpfe Gleichförmigkeit im Gemachten entsteht und langweilige Formen, die keine Idee aufscheinen lassen können, sondern nur maschinelle Eintönigkeit.

Dies bedeutet nicht, daß nur langsam oder träge gearbeitet werden dürfe, nein, das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Arbeit ist tiefer und reicher und intensiver durch Schaffen und gleichzeitiges Reflektieren und Zwiesprache mit der Idee über das Geschaffene; dies ist notwendig. Daß meine Arbeit am Φιλόσοφος ungefähr zehn Jahre gedauert hat, bedeutet weder, daß ich in dieser Zeit gefaulenzt hätte und nur schleppend gleichsam im Halbschlaf daran gearbeitet hätte, noch, daß ich so intensiv und ernsthaft jeden Bruchteil eines Quadratmillimeters der Plastik durchgeformt hätte, daß alles ganz exakt und quasi geometrisch vermessen sei. Keine von diesen beiden Aussagen ist richtig, und keine trifft das Vorgehen bei meinem Arbeiten. Vielmehr ist es derart, daß Vieles ich versuchte, viele Möglichkeiten ich erprobte, meiner Idee gerecht zu werden, immer wieder andere Variationen durchprobierte, diese wiederum verwarf, weil sie nicht der Idee auch nur nahekamen, schon gar nicht ihr entsprachen oder mit ihr auch nur irgendwie korrespondierten. Freilich gebe ich zu, daß das Werden des Φιλόσοφος außerordentlich viel Arbeit verlangte, diese auch gar nicht der nunmehrigen Plastik anzusehen ist (was auch ihrer Idee nicht entspräche und ein es Fehler wäre, wenn dies bemerkt werden könnte); dies alles war aber notwendig und auch unumgänglich. Ich arbeitete in verschiedenen Phasen an dieser Figur, wobei ich vielerlei andere, vom Φιλόσοφος getrennte und eigentlich unabhängige, auch größerer und aufwändigerer Arbeiten gleichsam zwischendurch fertigbrachte, von denen wiederum viel Erfahrung, neue Sichtweisen in die Arbeit am Φιλόσοφος übergingen und so auf einmal Überlegungen kamen und Gedanken sich schickten, die mir halfen, an dieser Plastik weiterzuarbeiten, wobei zwischendurch große Intervalle des Beobachtens und Nachdenkens lagen. Es muß schwer sein, gestalterisch etwas Neues hervorzubringen, das den Anspruch einer Idee in sich trägt und diese auf den Betrachter abglänzen lassen will. Es muß hart sein und zäh, eine Figur zu machen, die vor ihrer Idee selbst bestand haben will. Es muß mühselig sein und beschwerlich und anstrengend, wenn eine Plastik gemacht wird, die gerechtfertigt werden will vor ihrer Idee und vor ihr selbst statthaft sein soll und bleiben mag. Wenn ich eine Arbeit sodann letztlich beschließe, ist diese eigentlich nicht fertig; sie wird auch nicht fertig, kann es gar nicht werden, da nur die Idee vollendet ist, die es zu repräsentieren gilt; die Plastik, die realisiert worden ist, ist nur eine einzige - ausgefertigte - von unendlich vielen möglichen Möglichkeiten, welche aber nicht in die körperliche Realität überführt wurden und somit auch nicht (in dieser Form) existieren.

Wenn eine Arbeit eigentlich nicht und nie fertig wird sondern nur abgeschlossen, sollte sie dann also überhaupt beendet werden? Man muß mit dieser aufhören, irgendwann, wenn sie der Idee genügt, obzwar sie nicht fertig ist, noch fertig werden kann, so daß sie neuen Ideen Raum läßt, was selbstverständlich nicht heißen soll, daß man diese eine beendete Arbeit vergessen solle und auf sie nie mehr zurückgreifen dürfe, sie später auch nicht mehr verändern solle, auch wenn vielleicht nach Jahren endlich eine bessere Gestaltung gefunden werde, nein gewiß verliert man einmal Ausgearbeitetes nie aus der Betrachtung, ob man die Möglichkeit hat, es immer wieder anzuschauen oder nicht und in diesem Falle das Ergebnis nur vor seinem geistigen Auge erspähen kann; es mag zumindest Anlaß zu neuer Gestaltung sein. Wie also erging es mir mit der Idee des Φιλόσοφος weiter?

Von einer Grundform der Körperhaltung, des Aussehen und Gestus bildeten sich in mir, vor meinem inneren Auge bald sehr genaue konkrete Vorstellungen, die danach immer lauter schrien und sich aufbäumten, in Materie sich zu spiegeln und so handgreiflich, berührbar, für andere Menschen erfahrbar, zu werden. Die Größe und Gestalt der Figur wuchsen aus mir heraus, und ich begann mit fühlender formender Hand aus Wachs den Leib eines Menschen zu bilden, in dem dessen Berufung, dessen Muß, dessen Bestimmung und das Leben, das er wohl bisher nach seinem Wesen geführt hat, aufscheint, dessen Körper der eines klassischen Denkers sein könnt, schlank, hoch und diszipliniert, seinem Willen untertänig und eher lästige Hülle und pure üble Notwendigkeit denn Mittel zur Lebensfreude; er ist gehüllt in ein langes offenes Gewand, eine Tunika, was auf klassische antike Bezüge anspielt, auf die ersten hellenischen Denker, aus deren Tradition die europäische Geistesgeschichte bis heute schöpft, mit der man sich befassen muß, auch wenn man sie ablehnen mag; keinesfalls entgeht man ihr, da die grundlegenden Fragen sie stellten und uns überlieferten und uns ihre Denkansätze über all jene sich tradierten bis in unser Jetzt. Mein Φιλόσοφος ist ein junger Mensch, der noch nicht viel kennt, nicht viel kennen kann, der auch keine Weisheit des Alters noch selbst erfahren hat können.

Ihn bewegen aber intensiv die grundlegenden Fragen der Menschheit, und er stellt diese sich und sucht nach ihnen; nicht daß er eine oder diese Antwort finde. Ob er gebildet ist durch Schulbildung, das weiß ich nicht. Hoffentlich hat er aber nicht im Philosophiestudium allerhand oder alle "wichtigen" Lehrgebäude "großer" Denker zuerst einmal auswendig lernen müssen, bevor er selbst zu denken beginnen darf, was ihm jedoch dadurch schon vergangen sein dürfte und er somit kein Φιλόσοφος mehr wäre, also auch nicht hier säße und somit erst gar nicht existierte, ein auf dem Boden sitzender, feingliedriger bronzener Jüngling mit klaren Zügen, gehüllt in eine Tunika. Sein Kopf ist ihm schwer vom Denken; seine Figur erinnert in ihrer Gekrümmtheit, im In-Sich-Versinken, im Schau-Halten, das seinen Blick ins innerliche Denken richtet, an die Runden Umrisse eines Eies, das neues Leben aus sich hervorbringt, wie der Φιλόσοφος neue Gedanken gebiert. Er ist verhaftet mit dem Boden, der oberen Oberfläche eines hohen quadrigen Sockels aus Jurakalk, nur durch ein schmales Band gegliedert, das sich, eingehauen, um dessen vier Seitenflächen zieht und diese je spannungsreich teilt in kleines Oben, großes Unten; und ganz unten, am Fuße des Sockels ist wiederum ein derartiger Einschnitt, der den Grund, den eine Basisplatte aus selbem Stein bildet und welche flach in der Erde liegt, abtrennt; so wird die Plastik dem Betrachter auf Augenhöhe erhoben, so daß jener dem Φιλόσοφος beim Sinnieren ins Angesicht schauen kann. Sein Schädel ist blank vom Denken; klare Formen sind wichtig, so wie das Überlegen klar und deutlich und eindeutig sein muß.

Sein Gewand schlingt sich in vielen Falten und Brüchen um seinen asketischen Leib. Hände und Füße sind ihm nackt. Sein rechtes Bein liegt nicht ganz ausgestreckt, sondern im Knie leicht abgewinkelt, auf dem Boden, sein linkes stützt ihn, angezogen und stehend auf dem Grund; die Arme fallen ihm aus den Schultern herab in die Mitte, ins Zentrum seiner Gestalt, sein linker Arm auf dem linken Knie sich aufstützend. Er ist gebogen in seien Gelenken - keines ist gestreckt - nicht gebrochen in seinem Gebein.

Auch ist er nicht gebeugt und gedrückt, eher aufgerollt und somit frisch und pulsend von Kraft und auch pochend von Tat, die er betrachtend in sich wendet, in sich reflektiert. Es quellen ihm Vorstellungen, strömen ihm Gedankenfluten, es funket leuchtend ihm Geisteskraft und strahlet seinem Sinnen:

אלהים אלי אתה אשחרך צמאה לך נפשי כמה לך בשרי

בארץ־ציה ועיף בלי־מים׃

 כן בקדש חזיתיך לראות עזך וכבודך׃

 כי־טוב חסדך מחיים שפתי ישבחונך׃

 כן אברכך בחיי בשמך אשא כפי׃

 כמו חלב ודשן תשבע נפשי ושפתי רננות יהלל־פי׃

 אם־זכרתיך על־יצועי באשמרות אהגה־בך׃

 כי־היית עזרתה לי ובצל כנפיך ארנן׃

 דבקה נפשי אחריך בי תמכה ימינך׃

  

Ps 63, 2-9

Diese der ganzen Statue in sich ruhende Form, die vielleicht nur das rechte Bein durchbricht, das gleichsam als Antenne mit der Welt um den Φιλόσοφος her fühlend Kontakt aufnimmt, treibt die Gedanken immer wieder ins Zentrum, gefangen vom Leib, gefangen im Geist, daß sie immer von Neuem durchdenkt werden möchten, sich in den faltigen Windungen der Tunika häufen und fließen durch seinen Leib.

Keines seiner Glieder ist gestreckt und durchgebeugt; er ist verwinkelt, verwickelt, aber nicht gebrochen, gespannt in seiner Gelöstheit, nicht erschlafft, nicht ermattet, hellwach im Geiste, im Wahrnehmen, ob dieses seine Haltung ihn gleich einschränkt und das äußere Leben von ihm abschirmt, das äußere, das äußerlich nur oberflächlich seine Oberfläche berührt, nicht eindringt mit seiner Unruhe und Unrast und Unlust. Er aber sieht und lauscht und schmeckt gereizt, nicht Vieles, das ihn ersticken könnte, sondern viel, von dem Wenigen, das sich ihm darbietet, welch alles ihn verwundert, welch alles er bedenkt, besonnen, in sich atmet und durchsiebt und abwägt. Hasten und Jagen und Eilen befremden ihn, überregnen ihn kalt mit blasser Furcht, betauen ihn stickig und schwer.

Er aber verschließt sich nicht vor der Welt; er ist aktiv im Kontemplieren, kontemplativ im Agieren. Sein Sinnen, seine Betrachtung verstrahlen sich, flimmern ihm zurück, resonieren in seinem Haupt. Nicht aber ist er nur bedächtig, jedoch bedacht und besonnen; er ruht nicht in Weisheit wie der Alte, er giert nach Erkenntnis, nach Kenntnis nicht oder Können, das er erlernen könnte sauer, aber vergeblich; nein er schnaubt nach der Weisheit, nach Wissen nicht oder Wissenschaft, die er einüben könnte bitter, aber fruchtlos. Die Menschen fragen:

Was nützt? Ihr Fragen ist nutzlos selbst. Was ergibt? Das Ergebnis ergibt sich immer. Sie fragen nach Erfolg: Erfolg gibt es immer bei jedem Tun; Erfolg ist immer das, was folgt, gleichgültig wie.


וראיתי אני שיש יתרון לחכמה מן־הסכלות כיתרון האור מן־החשך׃ 

 החכם עיניו בראשו והכסיל בחשך הולך וידעתי גם־אני שמקרה אחד יקרה את־כלם׃ 

 ואמרתי אני בלבי כמקרה הכסיל גם־אני יקרני ולמה חכמתי אני אז יותר ודברתי בלבי שגם־זה הבל׃ 

 כי אין זכרון לחכם עם־הכסיל לעולם בשכבר הימים הבאים הכל נשכח ואיך ימות החכם עם־הכסיל׃

 

Koh 2, 13-16
 

Der Standort meiner Plastik Φιλόσοφος vor der Stadtbibliothek Amberg, die im so genannten Raseliushaus untergebracht ist, in dem von 1837 bis 1930 die Vorläufereinrichtung des heutigen Gregor-Mendel-Gymnasiums angesiedelt war, in dem neben der Stadtbibliothek auch das Kulturreferat der Stadt Amberg und ebenso die Volkshochschule untergebracht sind, mag dazu mahnen, daß nicht das in einer Bibliothek gesammelte und gespeicherte Wissen und auch nicht die Lehre der Schule Weisheit pflanze, nein es besteht die Gefahr, daß gerade hierdurch, durch das Untersuchen, Teilen Definieren der Wissenschaft, durch Füttern der Menschen mit Gelerntem und zu Lernendem der Geist überbrandet wird mit so genannten Tatsachen, das eigene Denken, die Neugierde, das Fragen, das ja zur Überlegung und folglich zur Reflexion führen kann, verhindert wird; von der Sucht nach Weisheit, die den Φιλόσοφος packt und treibt und nicht mehr frei läßt, ist schon gar keine Rede in der Wissenschaft. Also lernt man und wird im Gescheiterwerden sehr schnell immer dümmer.

 

H σoфıα  υıoυς αυтης αvυψωσεv 

кαı εпıлαμβαvεταı тωv ζηтoυvтωv αυтηv.  

O αγαпωv αυтηv αγαпα ζωηv, ...

Sir 4, 11-12a